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Gesichtsverlust

Wenn sie des Nachts schliefe, sagte er, müsste er sie immer ansehen, vom Dichten ansehen und lächeln. Sie läge ruhig da, kaum ein Geräusch machend, und dann fragte er sich, während sie mal durch die Nase, mal durch halbgeöffnetem Mund atmete, wie lange er wohl neben ihr liegen und leben könnte. Nur wenige Andere außer ihm, setzte er hinzu, empfänden so viel Furcht, auf dass sie, wie er, jede Möglichkeit nützten, um nichts zu versäumen. Und wenn es schließlich tagte, würde er dann sehen, zu ihr aufsehen, wie sie gemeinsam mit der Sonne in die Höhe stiege.

Vielleicht, entgegnete ich, vielleicht kannst du sie träumen sehen, aber ihre Träume siehst du nie. Ich kann es ebenso wenig, aber dafür, mein Freund, habe ich dieses besondere Talent. Nachdem ich dies gesagt hatte, blickte er mich an, er sah mich an und grinste dabei. Ein Träumer sei ich, sagte er, ein Träumer mit geschlossenen Sinnen, der Gläser gegen Betonbauten würfe. Wie er mich begutachtete. Er bemerkte mich wirklich, klopfte mir auf die Schultern und fragte, was für ein Talent ich denn hätte, was mich nun auszeichnete vor den Anderen. Dann richtete ich mich auf, sah über den Abgrund, an dem wir lagen, hinweg und antwortete ihm, dass ich, wo immer ich hingegangen war, auf Menschen stieß, die mit mir redeten, nicht zu mir und für sich und auch nicht zu sich vor mir durch mich. Und diese Menschen, fuhr ich fort – ja, das seien allesamt Versager und gescheiterte Existenzen, unterbrach er mich.

Von da an schwiegen wir, schwiegen und genossen, wie der graue Himmel sich rötete. Ich dachte daran, wie wenig wir uns doch verändert hatten, wie seine Beine meine noch immer um eine Hand breit überragten, wie wir uns verstanden, dass wir einander aushielten; und er musste ebenso gedacht haben, denn er war wie ich, träumte ich auch und wachte er. Gleichzeitig warfen wir nach einer Weile die letzten beiden Bierflaschen hinunter. Ich fragte ihn, weswegen wir einen Kasten gekauft hatten, einen ganzen Kasten, wenn wir aber doch die vollen Flaschen ohnehin wegwarfen. Darauf versprach er mir endlich, über sein Erzählen zu reden, sobald ich meinerseits von meinem Schatz ein Bild entwürfe, einen Eindruck gäbe, der seinen überragte.

Ich begann begierig zu überlegen, bis zum Umfallen überlegte ich; und als sich bereits drei Schauer über uns ergossen hatten, beendete ich das Überlegen, da ich merkte, dass ich zu trocken zum Denken, aber nass genug zum Sprechen war. Sein Lächeln verriet es mir, es verriet, ich hätte das Wichtigste am Erzählen schon erkannt. Jedoch fehlte eines noch, dieses Spezielle in den Geschichten, was eine jede Nachahmung hässlich werden lässt.

Also, fing ich an, sobald sie mir begegnen, die jungen und die Altbekannten, starren sie mich an. Sie ignorieren mich nicht einmal und strafen mich mit ihrer Abneigung. Nein nein, unterbrach er mich erneut, ich würde von meinem Schmerz, aber nicht von meinem Schatz berichten. Recht hast du, sprach ich, aber meinen Schatz, den Schatz, habe ich verloren. In den Händen eines Anderen liegt sie, leuchtet sie, und ist glücklich. Er würde es mir dennoch verraten, sagte er, weil ich ohne einen Schatz sinnlos wäre.

Dann stand er auf, stellte sich an den Rand der Klippe und hieß mich zu ihm zu kommen. Er war um einiges größer geworden, als ich es bis dahin glaubte. Das Geheimnis meines Erzählens, sagte er, ist das Mittel der Absurdität. Und während er dies gesagt hatte, musste er mich packen, mich heftig angreifen und einen Versager endlich in die Tiefe stürzen, weil er mich hasste, mich immer hasste, weil ich so war wie er, nur etwas kleiner.

Ich nahm eine Flasche Bier aus dem Kasten, öffnete sie und verschlang den Inhalt. Und da er nun fort war, trank ich anschließend eine weitere für ihn mit. Nachdem ich dies getan hatte, stellte ich den Kasten in den Kofferraum, stieg in das Fahrzeug und fuhr vom Parkplatz hinunter nach Hause, endlich in die richtige Richtung, ohne Zweifel, ohne Scham. Ich beeilte mich, denn des Einen Schatz war zugleich der Schatz des Anderen gewesen; und da sie nun wieder frei war und keine Hände sie trugen, wollte ich sie auffangen, auffangen und in die stille Ewigkeit fortnehmen.

Doch als ich aufwachte, war da niemand neben mir. Also schloss ich meine Augen und wartete, wartete und horchte auf ein Geräusch, das mir zeigte, dass die Beiden wieder zurück wären, und einer von ihnen, ganz gleich wer, mich umarmte und davontrüge.

Sowie er ankam und ins Schlafzimmer stürmte, schlief sie noch. Auch nach etlichen Jahren des Wartens lag sie da, ruhig da, kaum ein Geräusch machend, und dann fragte er sich, während sie mal durch die Nase, mal durch halbgeöffnetem Mund atmete, wie lange er wohl neben ihr liegen und leben könnte, aber nie, wie ihre Träume wohl aussähen. Das ist das Ende aller Verrücktheiten, dachte er immerzu und strich seine Haare aus ihrem Gesicht.

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