↑ Zurück zu Kurzgeschichten

Manuels Bruder

In der Abenddämmerung, irgendwann, irgendwo. Das überschaubare Gewirr einiger weniger Blasphemisten kreiste über die kernige Glatze des alten Hufschmiedes, sich niemals nicht bereithaltend, ihr den vernunftbegabten Stachel anzubieten, sondern nur in sicherer Entfernung darüber kreisend. Obwohl der grüne Speichel floss, da unzählige Adern den Weg ins Gasthaus „Immeroffen“ beschrieben, lehnten sie es ab, sich am hart arbeitenden Blut zu laben. Auch im Wirtshaus fanden die Mücken weder Blutopfer noch Geselligkeit. Gleich neben dem Hufschmied schlug eine Ziege die ungebrauchten Kastagnetten aneinander, dann in den Sumpf, was lediglich darauf hindeutete, wie schlecht seine Augen in den letzten gereihten Zeitpunkten geworden waren…

Unentschlossen saß Manuels Bruder auf dem Kanapee in der letzten Ecke des Hauses und wechselte zwischen dem Kauen der abgenutzten Fingernägel und dem Raufen der Kurzhaarfrisur hin und her. Sein Stift rollte leicht schräg, aber sicher über die Knöchel des Handrückens, erst nach links, dann nach rechts. Und seine Stirn runzelte sich wie immer, wenn er nicht weiter wusste. Merkwürdigerweise aber war der Notizblock bereits vollgeschrieben. Vielleicht lag es am Stift, vielleicht aber auch an der Gleichgültigkeit, mit der er diesen führte.

Dann kam der Wirt, seinen Bauch hinterherziehend, herbei. Ein weiteres Getränk wurde mit der Begründung, Atheist zu sein, abgelehnt, ein weiterer Notizblock angefordert, und rechts neben dem Eingang erklang ein weiteres „funderbar“ aus dem Mund der verrückten Frau des Schankwirtes, die sich über das Aneinanderschlagen der Geldstücke im Münzschacht des Spielautomaten amüsierte. Wann immer sie etwas gewann, musste ihr Mann das Lied der gegorenen Kinderseele lauthals in Begleitung seiner Klampfe anstimmen, worauf zumeist der Dauerkunde seinen dünn bewachsenen Kopf von der klebrigen Theke löste, um rückwärts vom Barhocker zu fallen.

Nachdem das Lied verstummt und die damit einhergehenden Kopfschmerzen verschwunden waren, brachte der Wirt dem Bruder von Manuel, sich durch die diesige Sommerluft kämpfend, den Notizblock. Dann wurde ein weiteres Getränk mit der Begründung, als Kind keine Katze gesehen zu haben, abgelehnt, und der Schankwirt verschwand wieder irgendwo hinter dem Tresen.

Manuels Bruder warf den beschriebenen Notizblock aus dem Fenster zu den Gelehrten. Erfolge hatte er zuhauf gehabt und wollte eigentlich nur noch des Schreibens wegen schreiben. Zu seinen imposantesten Veröffentlichungen gehörte auch die Speisekarte des Wirtshauses, welche daselbst keinen Nutzen hatte, weil dort niemand kochen konnte, nicht einmal die spielsüchtige Frau des Wirtes.

Er schrieb weiter.

…wie schlecht seine Augen in den letzten gereihten Zeitpunkten geworden waren. Es war ihm sogar unmöglich, die heranreifenden Kaulquappen in den Pfützen zu erkennen, die ihre wendigen Hälse in alle Richtungen gierig ausstreckten. Sich nicht weiter daran ergötzend, ging der Hufschmied dem Feierabend und somit dem Gasthaus „Immeroffen“ entgegen. Es hatte täglich ab Abenddämmerung geöffnet und war ihm ein besonderer Trost in guten Zeiten geworden, manchmal auch in schlechten, wenn seine Kinder fasten mussten.

Sowie er es nach einer Weile betreten hatte, vernahm er auch schon das gewohnte „sunderbar“ aus dem lieblich krächzenden Schlund der Frau des Wirtes, worauf deren Mann das Lied der reizenden Hyäne sang und der Dauerkartenbesitzer auf den Boden aufschlug.

Der Bruder von Manuel lud den Hufschmied zu einem Getränk ein, lehnte die Frau des Wirtes, die einmal das Eheweib des Schmiedes war, mit der Begründung ab, dass die Welt seinen Vogel unzureichend mit Atemluft versorgte, und trank das Gasthaus leer, bis die Kopfschmerzen verschwanden.

Am nächsten Morgen flogen die vertierten Mücken wieder in die Wüste.

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://mathias-archut.de/?page_id=119