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Mondlicht

„Schläfst du denn noch immer nicht? Mach endlich das beschissene Licht aus“, brüllte der Alte beim nächtlichen Kontrollgang durchs Haus.

Der Junge erschrak. „Was? Welches Licht? Hier ist kein Licht.“ Seelenruhig lag er in seinem Bett, und tatsächlich, da brannte keine Lampe. Aber wach war er nun, aufgeweckt vom typischen Geschrei, das er nur zu gut kannte. Der Junge rieb sich die Augen, richtete sich ein wenig auf und erkannte beim Blick aus dem Fenster den überaus hell strahlenden Mond. Dann hörte er wieder den Alten schreien. „Du schaltest jetzt sofort das Licht aus! Wenn ich in fünf Minuten zurück bin, und ich sehe deine Lampe brennen, fliegen diesmal nicht nur deine Bücher aus dem Haus.“

Anschließend ging der Alte durch den langen Flur. Er hatte es wirklich nicht einfach, da sein Schlafanzug mindestens drei Nummern zu groß für ihn war, so dass er ständig aufpassen musste, nicht zu stolpern. Als er sein Zimmer endlich erreicht hatte, knallte er die Tür hinter sich zu. Er bemerkte, dass er kochte, weshalb er die Heizung ausschaltete, und da er sich schon einmal vor dem Fenster befand, sah er kurz auf die Straße, konnte aber nichts erkennen. Danach stellte er seinen Wecker und legte sich ins leere Bett.

Genau fünf Minuten später klingelte es. Der Alte stand auf und bewegte sich behutsam durch den engen Flur. An dessen Ende angekommen, sah er, dass da noch immer ein helles Licht durch den Türschlitz hervorschien. Sein Puls schnellte in die Höhe. Voller Wut riss er die Tür auf. „Welches Wort von ‚Mach endlich das Licht aus‘ hast du nicht verstanden? Was soll das? Was tust du denn da?“

In seinem Schlafanzug, der mindestens drei Nummern zu klein für ihn war, stand der Junge vor dem offenen Fenster. Seine rechte Hand hielt einen Bogen und seine linke einen Pfeil.

„Ich kann es nicht. Ich kann nicht so weit schießen“, sagte er und zeigte hilflos in die Richtung des Mondes. Der Alte aber sah zum gegenüberliegenden Haus hinüber, wo eine weise Frau neben einer am Boden liegenden Person kniete. Nach und nach gingen die Lichter der anderen Häuser an. Die Silhouetten der stummen Zeugen kamen zum Vorschein und in der Luft ertönte bereits der Klang der Sirenen.

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