↑ Zurück zu Kurzgeschichten

Regenschein

Regen, immer wieder Regen, kalt, trüb, nebeldurchdringend. Die schmale Gasse bot kaum Platz für ein Rinnsal, dem Lebensspender kaum einen Pflasterstein zum Aufschlagen; die Schieferdächer und die farblosen Markisen tropften vor Arroganz noch dicker als die Wolkenschicht am Himmel, die des Nachts lediglich zu erahnen war, und der scharfe Stadtwind fegte durch die brüchigen Mauern der alten Häuser. Wie in jeder Nacht heuchelten auch in dieser die Straßenlaternen einem jeden Schlaflosen die sichere Erkenntnis vor, dass dieser funktionieren würde, schon immer funktionierte und dazu fähig wäre, etwas beeinflussen zu können in seinem Leben, wenn er bloß ähnlich hell erstrahlte.

Das orangefarbene Elend schlängelte sich auch bis in den winzigsten Winkel der Gasse. Während sich das Regenwasser noch damit beschäftigte, es in alle erdenklichen Richtungen zu reflektieren, bekam Manuel es, in Scheiben geschnitten, durch die Jalousien gereicht, obgleich er es durch seine blauen Brillengläser in einem abschreckend grauen Licht wahrnehmen musste. Sich am Putz der Wand orientierend, bewegte er sich und seine müden Knochen ins Bad. Seine letzten Griffe waren routiniert, als er aus dem Spiegel sah, denn hineinsehen konnte er schon länger nicht mehr. Auf den Fliesen vor dem Waschbecken schlief ein offener Brief. Er hätte ihn vielleicht gelesen, wenn er wie früher einmal seine rosarote Brille getragen hätte, wenn wie früher einmal an einem solchen Dezemberabend die Lichter am Nadelbaum geleuchtet hätten.

Auch das Telefon funktionierte. Es schellte sein Echo durch die kahlen Räume. Am anderen Ende war eine fremde Frau. Hast du unterschrieben? Es rastete ein und der Hörer ruhte. Kurz darauf klingelte es nochmals im Zimmer, danach im Kühlschrank, und da es nicht aufgab, klingelte es, solange wie die Schnur aus dem Fenster reichte. Sie war es doch gewesen, die sich an ihrem Vorhaben festklammerte. Nicht er. Ob es jemals wie früher werden könnte? Wenn … Nein! Das Schlechte bliebe! Unerbittlich war die Frau. Es klingelte in der Hosentasche. Aber die Kinderklausel … Jetzt reichte es endgültig. Einige Male in der Luft gewendet, ein schwacher Flug, dann verschluckt vom Gassenwasser.

Ein Pflasterstein zum Aufschlagen, einen für jeden aus dieser Stadt. Der Balkonboden war glatt, so dass er bis an das Geländer rutschte. Manuel sah regungslos dabei zu, wie ein grau gestreiftes Katzenjunges unter ihm durch die Gasse schwamm, sich im Telefonkabel verfing und ertrank. Sowie die gegenüberwohnenden Nachbarn, vom Todeskampf geweckt, ihre Räume erhellten, blitzte sein Ring kurz auf. Er hielt ihn ein letztes Mal in die Luft und nahm sogar, wenn auch lediglich für einen unbedeutenden kleinen Moment, die Brille ab, um in den Schein alter Erinnerungen einzutauchen. Jedoch merkte er nur wieder, wie ungesund dieser Schlaf sein konnte, wie er sich sinnlos aufregte über die verhasste Leichtigkeit. Nein! Das Schlechte bliebe immer noch! Anschließend riss er sich den Ring vom Finger und warf ihn hinunter, und mit ihm alles, was er je zu schätzen glaubte.

Er beugte sich vor, hob einen Blumentopf auf und legte ihn in seinen Schoß. Das Wasser darin vermischte sich mit dem Salz seiner Augen, das der Gasse flutete seine Wohnung bis zu den Knien, welche er ohnehin nicht spürte. Was er aber spürte, war, dass seine Markise leckte und sich gleichsam mit ihm die Zeit vertrieb, das Älterwerden einzuüben, denn wenigstens dafür war es noch nicht zu spät. Er lächelte im Schmerz der Gewissheit, dass der Tag bald anbrechen würde, ein weiterer sinnloser Tag und eine Sonne, deren helles Licht er nicht ertragen wollte.

Es klingelte. Manuel verließ den Rollstuhl und schwamm zur Tür, das Wasser stand ihm bis zum Halse. Warum gehst du nicht ans Telefon? Soll der Blumentopf meine Anzahlung sein? Ich will den Mietvertrag abschließen! Bevor er etwas erwidern konnte, trieb ihn auch schon die Strömung die unzähligen Treppen des hohen Bauwerks hinab. Die fremde Frau blieb ahnungslos stehen und hatte bei einem letzten Griff gerade noch die blaue Brille erwischt. Das Schlechte war geblieben! Ein grauer Pflasterstein zum Einschlagen.

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://mathias-archut.de/?page_id=127