Lysa Frostfuß – Erstes Kapitel

Am Fuße des Frostwächtergipfels stapfte ein Mädchen durch Schnee. Bei jedem Schritt versank sie bis zu den Knien. Sie japste in kurzen Zügen nach Luft und spürte die Gänsehaut auf ihrem Rücken, die sich durch ihre Kleidung bohrte.

Von ihrer Stiefmutter aus dem Haus gejagt, fürchtete sie um ihr Ersticken, sollte sie die dicken Flocken einatmen. Diese peitschten gegen ihr Gesicht wie hunderte Kieselsteine. „Verschwinde endlich!“, hatte die Stiefmutter zuvor gerufen. „Dein Vater weiß Bescheid … und nun raus mit dir!“

Vater weiß Bescheid. Noch immer klang das Geräusch der zuschlagenden Tür in ihr nach, obgleich es nicht die Brunftschreie des verschwitzten Schusterjungen und das Aneinanderklatschen von Fleisch hatte überdecken können.

Der Schnee knirschte unter ihren Füßen, schob sich zwischen ihre Zehen, Schnee, den sie zu formen beabsichtigte. Zuerst versuchte sie, König Kelhorn nachzubilden, doch angesichts der Kälte, die nach und nach von ihren Füßen bis ins Mark emporstieg, reichte es nur für den heldenhaften Zwerg Martin. Sie drückte eine Schneekugel auf die Figur und modellierte sein Antlitz nach ihrer Vorstellung. Im Wirtshaus „Immeroffen“ hatte sie viele Geschichten über Martin gehört und glaubte sich sicher genug, um daraus etwas zu erschaffen. Vater weiß Bescheid!

Als sie fertig war, blickte sie auf und atmete durch den Mund. Etwas Schnee geriet in ihren Hals, in ihrem Rachen wurde es heiß und kalt zugleich. Sie keuchte und hustete, bis ihre Augen wundrot wurden und tränten. Auch ihre Nase begann zu weinen. Der Wind fühlte sich jetzt viel frostiger auf ihrer Oberlippe an und kniff in ihre Wangen. Sie blickte auf ihr Dorf hinab, was sich wenige Schritte bergab befand. Auch wenn die Dächer gleichsam eingeschneit lagen, erkannte sie ihr Haus. Kerzen flackerten darin und es wirkte, als würden sich zwei Schatten gegenseitig auffressen … weiß Bescheid!

Sie wandte sich wieder Martin zu. Was für ein Wissen das Bescheidwissen sein soll, fragte sie sich. Sie trat mehrmals gegen den Bauch der Figur und versank immer tiefer bis zum Knie. Doch Martin brach nicht zusammen. Bei einem weiteren Tritt wurde das Bein des Mädchens mit schwerem Schnee umschlossen. Sie blieb stecken. Sich unsicher auf dem zweiten Bein haltend, versuchte sie, sich mit einem Ruck zu befreien. Einmal, ein zweites und ein drittes Mal, aber es war vergeblich.

Dann nahm sie ihre Hände zu Hilfe und versuchte es erneut. Sie zog und zehrte, schlug Martin einige Male, aber auch das half nicht.

Ihrem Mund entwichen kleine Nebelwolken. Die Luft, die von ihren Lungen herrührte, kühlte sich ab, so dass mit der Zeit ein immer dünner werdender Dampf austrat. Sie sah sich um und sah außer dem Dorf nur Schnee. Auch sie selbst wurde mehr und mehr damit zugedeckt. Bald würde sie unweigerlich vereisen und ihr Odem aussetzen.

Ein weiterer Tod im Frostwächtergebirge. Bei dem Gedanken fing sie zu schluchzen an. Ihre Tränen froren zu kleinen Gletschern auf ihrem Gesicht fest, während die eingeschneiten Haare ihren Kopf in den Nacken zogen. Zum Schreien fehlte ihr wenig später ebenso die Kraft wie die, mit der sie auf einem Bein stand.

Sie ließ los und fiel nach hinten. Rücklings hinab hängend drohte ihr, zu einem weiteren Opfer Martins zu werden. Sie schloss die Augen und bemerkte deren Bewegung hinter den Lidern. Auch das Jucken, das von den Läusen herrührte, die sich in immer wärmere Schichten der Haut gruben, entging ihr nicht. Sie spürte die Kälte des Bodens in ihre Schultern ziehen, den Wind im Gesicht, die Schmerzen, die Erschöpfung und die Einsamkeit. Doch ihren Fuß, der im Bauch der Schneefigur steckte, spürte sie nicht.

Bald entschwanden auch die anderen Empfindungen, und nachdem sie Sinn um Sinn verloren hatte, schlief sie ein.

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