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Des Totengräbers letzter Leichnam

Siehst du den Vogel? fragt da einer, obwohl sie noch schläft. Aufgewacht und wach nun, für Tagesspaß und Ungewissheit bereit, geht es gebückt zum Fenster zur unbestimmten Streckung aller Körperenden. Er erinnert sich nicht an die Sandsäcke, während es laut knackt, und auch nicht an die Jahre, in denen er sie auf seinem Rücken tragen durfte. Ebenso wenig kann erklärt werden, wie es ein weibliches Geschöpf gar freiwillig in sein Bett geschafft hat, aber zur Sicherheit rastet das Schloss gleich zweimalig ein.

Denke positiv! fordert da einer, obwohl sie immer schläft. Aus dem Loch in der Zahnreihe grinst die Freude, die Zunge tanzt und die Augen, starr und wahnsinnig, drehen sich gleich dem Uhrzeiger. Er gedenkt keiner Feste, weil sie ohne ihn gefeiert werden, weil es sich anfühlt wie eine Schraubzwinge, weil Lärm die Paranoia stillt und weil die Begründung für das Erinnern an Dinge des Leidens selbst widersinnig erscheint, trotzt sie doch den wirklichen Ereignissen und schmälert sie damit. Ebenso wenig kann erklärt werden, weshalb dies niemand wahrhaben will, während jede Sekunde des Leugnens das Absurde unentwegt stärker hervorruft.

Glaube mir. sagt da einer, denn eine Frau hat ihn erfunden, den Glauben, der gemeinsam mit der Hoffnung stirbt. Wie rhythmisch es sich an mich schmiegt. Wer will denn grübeln über Leben, Leid und Lärm? Es wird ohnehin dafür gesorgt, dass ich mich allmächtig fühle, wenn sie verstummen, die kleinen Laute, noch bevor sie an deinen blutroten Lippen vorbeiziehen können, da meine Gotteshand sie verschließt, wie sie schon immer das verschließen durfte, was seit jeher geschmerzt hatte.

Geh fort! fordert da einer, obwohl er immer gräbt. Zuerst muss der ganze Sand weggeschaufelt werden. Sie bekommt davon nichts mit, liegt bloß da, regungslos, willenlos, ein Pflasterstein daneben – zur Sicherheit – dienen auch die Fesseln am Bett, welche helfen, sich auszuschweigen und nicht runterzufallen in den Abgrund. Niemand will wissen, wie es weitergeht, wenn die Zerreißprobe missglückt, wenn die Bilder bei Sturm auf der Wasseroberfläche schwimmen und Friedhofswolken die Atmosphäre bestimmen, während Regenwurmgestank in die Nasen steigt.

Siehst du den Vogel? fragt da einer, obwohl sie noch schläft. Eingeschlafen und schlafend nun, für Glück und Ewigkeit bereit, geht es aufrecht mit ihr auf dem Rücken ein letztes Mal zum ausgehobenen Erdenloch. Ein romantischer Zweifel erscheint unterm Schuh, doch rutscht darauf kein Mensch mehr aus. Kann Perspektive er und Vernunft sie sein, er, der Totengräber, wenn es keine Zeit mehr gibt für das Gelingen einer Heldentat?

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